Winterreifen sind wichtig – aber ohne diese fünf Handgriffe bringen sie nichts

Der Winter ist zurück. Spätestens Ende November, wenn die Temperaturen nachts stabil unter null sinken und die ersten Schneeschauer durch die Schweiz ziehen, denkt fast jeder Autofahrer ans Gleiche: Winterreifen drauf und gut ist.

Doch genau hier liegt ein gefährlicher Irrtum. Winterreifen sind ein entscheidender Sicherheitsfaktor – aber sie allein verhindern keine Unfälle. Jahr für Jahr zeigt sich: Viele der typischen Wintercrashs passieren trotz Winterreifen. Und oft sind es dieselben fünf vernachlässigten Punkte, die zum entscheidenden Sicherheitsrisiko werden. Dieser Artikel zeigt auf, warum Winterreifen nur ein Baustein sind – und welche einfachen Handgriffe im Alltag über Sicherheit oder Kontrollverlust entscheiden. Damit Autofahrer auf Schweizer Strassen auch in der bevorstehenden Winterperiode 2025/26 sicher ankommen.



1. Profiltiefe – der meist unterschätzte Lebensretter

Viele denken beim Reifen nur ans Alter oder ans Wechseln von Sommer- auf Winterreifen. Doch die wahre Sicherheit kommt vom Profil – und hier wird oft zu spät reagiert.

Das Gesetz schreibt 1,6 mm Mindestprofiltiefe vor. Experten empfehlen jedoch mindestens 4 mm, weil darunter der Winterreifen seine Wintereigenschaften praktisch verliert.

Warum ist die Profiltiefe so entscheidend?

Die Lamellen des Winterreifens greifen sich im Schnee fest.
→ Weniger Profil = weniger „Zähne“.

Bei Schneematsch steigt die Aquaplaning-Gefahr massiv.
→ Flacheres Profil = schlechterer Wasser- und Schneematschabtransport.

Auf Eis haftet der Reifen weniger, wenn die Lamellen abgenutzt sind.

Eine oft zitierte Zahl:

Ein Winterreifen mit 8 mm Profiltiefe bremst auf Schnee rund 30–40 % kürzer als derselbe Reifen mit 3 mm.

Wie prüft man die Profiltiefe?

Ganz simpel:

  • Eine 1-Franken-Münze nehmen: verschwindet der goldene Rand nicht, ist es Zeit für Ersatz.
  • Jede Rille prüfen, nicht nur eine.

Viele Polizeikorps melden jedes Jahr im November und Dezember eine Häufung von Schleuderunfällen, bei denen später klar wird: Die Reifen hatten zwar das richtige Symbol – aber das falsche Profil. Ein Handgriff von 30 Sekunden hätte den Unfall oft verhindert.



2. Der richtige Luftdruck – kleine Zahl, grosse Wirkung

Luftdruck ist für viele Autofahrer ein notwendiges Übel. Man misst ihn schnell mal beim Tanken – oder eben nicht. Im Sommer führt ein falscher Druck vor allem zu höherem Verbrauch und Reifenverschleiss.

Im Winter jedoch wird er zu einem Sicherheitsrisiko.

Warum?

  • Zu wenig Luftdruck verlängert den Bremsweg erheblich.
  • Der Reifen walkt stärker – dadurch sinkt die Fahrstabilität.
  • Moderne Assistenzsysteme funktionieren schlechter, wenn der Reifenkontakt instabil ist.
  • Der Reifen kann sich im Schnee „aufschaukeln“, weil die Lauffläche nicht sauber aufliegt.

Die wichtigsten Regeln

  • Im Winter ist ein +0,1 bis +0,2 bar über der Herstellerangabe nicht falsch.
  • Warum? Kalte Luft zieht sich zusammen → der reale Druck fällt schneller als im Sommer.
  • Druck immer im kalten Zustand messen, nicht nach einer längeren Fahrt.
  • Auch den Reserveraddruck kontrollieren – er wird im Winter oft vergessen.

Studien zeigen, dass 25–30 % der Fahrzeuge im Winter mit zu niedrigem Luftdruck unterwegs sind. Ein zu weicher Reifen kann den Bremsweg auf Schnee um mehrere Meter verlängern.

Und im Winter sind genau diese Meter entscheidend.



3. Saubere Lichter – sehen und gesehen werden

Ein Klassiker: Die ersten Schneeflocken fallen, die Strassen sind nass, Salz wird verteilt – und die Frontscheinwerfer sind nach wenigen Kilometern verschmiert.

Viele Fahrer merken es überhaupt nicht. Dabei ist schlechte Sicht einer der Hauptauslöser für Winterunfälle, besonders im dichten Schneefall oder bei Sturmböen.

Warum verschmutzte Lichter so gefährlich sind

  • Sie reduzieren die Sichtweite drastisch – oft um 30–50 %.
  • Das Licht streut stärker, besonders bei Schneefall.
  • Bremslichter und Blinker können für Nachfolgende fast unsichtbar werden.
  • Nebelscheinwerfer wirken bei verschmutzten Gläsern wie „weisse Wände“.

Die Polizei rät deshalb jedes Jahr: Lichter regelmässig reinigen – auch tagsüber.

Ein Mikrofasertuch im Auto genügt.

Gerade in der Dämmerung ist der Unterschied enorm. Fahrer unterschätzen, wie schnell Salz und Schneematsch die Lichtleistung halbieren können.

Das unterschätzte Heck

Viele denken ans Frontlicht, aber viel gefährlicher ist das verschmutzte Heck:

  • Bremslichter werden gedämpft.
  • Rückfahrkamera erkennt Hindernisse nicht mehr.
  • Fahrer hinter dir können den Abstand schlechter einschätzen.

Bei Schneefall, Nebel und Dunkelheit ist die sichtbare Heckbeleuchtung einer der wichtigsten Sicherheitsfaktoren überhaupt.



4. Assistenzsysteme funktionieren nur, wenn die Sensoren frei sind

Wir leben im Jahr 2025 – Assistenzsysteme gehören zum Alltag: Spurhalteassistent, Notbremsassistent, adaptive Geschwindigkeitsregelung, Kameras, Parksensoren.

Doch viele Autofahrer vergessen, dass all diese Systeme Sicht brauchen:

→ Kameras müssen sehen.
→ Radarsensoren müssen frei sein.
→ Ultraschallsensoren dürfen nicht von Schnee bedeckt sein.

Typische Probleme im Winter

  • Frontkamera ist vereist → Notbremsassistent fällt aus.
  • Radarsensoren sind von Schneematsch verdeckt → Abstandsregelung funktioniert nicht.
  • Seitensensoren „spinnen“ bei Schneeglätte → Spurverlustwarnung unzuverlässig.
  • Heckkamera verschmutzt → Rückfahrhilfe unbrauchbar.

Moderne Fahrzeuge zeigen Fehlermeldungen an – aber oft erst wenn es zu spät ist oder der Fahrer sie ignoriert, weil sie ständig aufleuchten.

Die Lösung ist simpel

  • Vor jeder Fahrt alle Sensorbereiche mit einem weichen Tuch oder Handschuh abwischen.
  • Besonders: Frontgrill, Kamerabereich der Windschutzscheibe, Seitenspiegel, Heckklappe.
  • Nicht kratzen! Kameraabdeckungen können beschädigt werden.

In Polizeiberichten liest man immer häufiger von Unfällen, bei denen Fahrer auf Assistenzsysteme vertrauten, die in Wirklichkeit schon lange nicht mehr funktionierten – weil sie schlicht verschneit waren.

Assistenzsysteme sind hilfreich. Aber sie ersetzen nicht den Fahrer – und sie funktionieren nicht durch Schnee hindurch.



5. Eisfreie Scheiben – nicht nur ein Komfortthema

Viele unterschätzen, wie schnell sich Eis bildet – besonders am frühen Morgen. Feuchtigkeit, die tagsüber harmlos war, gefriert in der Nacht auf der Scheibe. Und das führt zu einer oft unterschätzten Gefahr: schlechte Rundumsicht.

Typische Fehler

  • Nur ein kleines „Guckloch“ freikratzen.
  • Seitenfenster nur teilweise enteisen.
  • Innenscheibe beschlagen lassen und einfach losfahren.
  • Heckscheibe nicht komplett freilegen.

Das Problem: Die Sicht ist nicht nur nach vorne entscheidend – beim Abbiegen, Überholen oder Einfahren in Kreuzungen braucht man vollständige Rundumsicht.

Die Polizei ahndet unzureichend freigekratzte Scheiben zu Recht konsequent: Es ist ein massiver Risikofaktor.

Warum gerade Ende November besonders kritisch ist

  • Übergangstage: tagsüber +3 °C, nachts –3 °C.
  • Hohe Luftfeuchtigkeit durch Regen und Tau.
  • Kalter Wind auf die Frontscheibe beim Fahren → schneller Wiederbeschlag.

Die 3-Minuten-Regel

Mit den richtigen Handgriffen dauert das vollständige Freilegen aller Scheiben selten länger als drei Minuten:

  • Motor starten, Lüftung auf die Scheibe richten.
  • Eiskratzer mit mehreren breiten Zügen verwenden.
  • Alle Scheiben freilegen – auch die kleinen Dreiecksfenster.

Ein kompletter Rundumblick rettet Leben – jedes Jahr wieder.



Warum diese fünf Punkte mehr Unfälle verhindern als jeder Winterreifen

Winterreifen sind essenziell. Aber: Die meisten Winterunfälle, an denen „Winterreifenfahrer“ beteiligt sind, lassen sich nicht auf den Reifen an sich zurückführen, sondern auf:

  • mangelnde Wartung
  • schlechte Sicht
  • falsche Erwartungshaltung an Assistenzsysteme
  • unvollständige Fahrzeugvorbereitung
  • Fehleinschätzungen von Bremsweg und Haftung

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Fahrer hat:

→ Neue Winterreifen (7 mm Profil)
→ Aufzugsstrasse mit leichtem Schneematsch
→ Zu niedriger Luftdruck
→ Verschmutzte Lichter
→ Vereiste Frontkamera

Das Fahrzeug beginnt beim Bremsen zu rutschen, der Notbremsassistent ist deaktiviert, der Bremsweg verlängert sich, der Fahrer sieht die Bremslichter des Vorausfahrenden zu spät – Unfall.

Nicht ein Fehler war entscheidend, sondern die Kombination.



Der Winter 2025/26: Warum diese Ratschläge jetzt besonders relevant sind

Ende November 2025 zeigt sich der Winter in der ganzen Schweiz bereits früh:

  • Häufige Schneeschauer bis ins Mittelland
  • Schneematsch auf Nebenstrassen
  • Hohe Luftfeuchtigkeit und vereiste Böden morgens
  • Verkehr in Richtung Adventszeit nimmt stark zu

Polizei und Verkehrsdienste warnen: Kombinationen aus Schneefall, Nebel, Salzsprühschäden und Temperaturschwankungen machen genau diesen Zeitraum zu einem der unfallträchtigsten des Jahres.

Jetzt ist der ideale Zeitpunkt, um diese fünf Handgriffe in die tägliche Routine aufzunehmen.



Fazit – Sicherheit beginnt nicht mit dem Reifen, sondern mit dem Fahrer

Winterreifen sind unverzichtbar, aber sie entfalten ihre Wirkung nur, wenn der Fahrer das Gesamtpaket im Griff hat. Die fünf täglichen Handgriffe – Profiltiefe prüfen, Luftdruck kontrollieren, Lichter reinigen, Sensoren freilegen und Scheiben vollständig enteisen – kosten kaum Zeit, erhöhen aber die Sicherheit enorm.

Viele Unfälle passieren nicht wegen fehlender Winterbereifung, sondern weil Autofahrer unterschätzen, wie stark kleine Vernachlässigungen die Fahrphysik beeinflussen.

Wer diese Gewohnheiten verinnerlicht, reduziert sein Unfallrisiko im Winter drastisch – und hilft gleichzeitig mit, das Verkehrsaufkommen im Advent sicherer zu machen.

 

Quelle: SchneeToni/Polizei.news-Redaktion
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